Bei danube books soll im kommenden Frühjahr die deutsche Ausgabe des Sachbuchs The road before me weeps. On the refugee route through Europe erscheinen. Zur Finanzierung der Übersetzungskosten hat danube books eine Crowdfunding-Kampagne bei Startnext gestartet. Mit einem persönlichen statement meldet sich der Autor Nick Thorpe zu Wort.

„Mein Name ist Nick Thorpe, ich bin Autor, Filmemacher und Mitteleuropa-Korrespondent für die BBC. Mit meiner Familie lebe ich seit 1986 in Budapest.

Als die Flüchtlingskrise im Februar 2015 begonnen hatte, verbrachte ich als Journalist immer mehr Zeit an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien. Mehrere hundert Menschen, damals meistens aus dem Kosovo, wanderten täglich über die Wiesen, zuerst nach Ungarn, dann später über Österreich nach Deutschland, auf der Suche nach einem besseren Leben. In den folgenden Wochen und Monaten kamen immer mehr Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Syrien, Irak und Afghanistan, aber auch aus afrikanischen Ländern, in denen kaum oder gar kein Krieg herrscht, wo es jedoch existenzielle Probleme gibt. Sind diese Menschen Einwanderer, Auswanderer oder nur auf der Durchreise? Sicher ist: Es sind alle verzweifelte Menschen mit grundlegenden Bedürfnissen.

Immer mehr Zeit verbrachte ich in den Grenzgebieten, nicht nur zwischen Ungarn und Serbien, sondern auch zwischen Bulgarien und der Türkei, zwischen Bulgarien und Serbien, Griechenland und Mazedonien, Kroatien und Slowenien, Slowenien und Österreich.
Immer stellte ich diesselben Fragen: Wer sind Sie? Warum Sind Sie gekommen? Warum jetzt und nicht letzte oder nächste Woche? Wie lange wollen Sie bleiben? Und können Sie sich vorstellen, dass Sie noch einmal in ihre Heimat zurückkehren wollen?
Ich sprach überall mit den Einheimischen, in Transitländern wie in Zielländern, ebenso mit Polizisten, ehrenamtlichen Helfern und auch mit Schleppern.

Mein Wohnort in Ungarn gab mir eine besondere Perspektive als Korrespondent für Mitteleuropa. Ministerpräsident Orbán stellte sich stets als der Politiker dar, der glaubt, Europa sei von Flüchtlingen überschwemmt worden und in der Opferrolle. Aber meinte er das ernsthaft? Oder sollte das nur ein zynisches Spiel sein, um die Wahl zu gewinnen? Ich kenne Viktor Orbán persönlich seit 1988. Es gab einmal eine Art Freundschaft. Das ist schon lange vorbei. Wegen seines Grenzzauns sind kleine Kinder ums Leben gekommen im Sumpfland in Horgos in Serbien.

Vier Jahre lang reiste ich von Grenze zu Grenze, von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager, auf dem Suche nach Antworten. Teilweise war es Detektivarbeit, als immer weniger Menschen auf der Balkanroute unterwegs waren. Was ist mit den 17 Yazidis von Sinjar, die bei einem Auto-Unfall in Ungarn schwer verletzt worden war? Wie sind sie weiter nach Regensburg oder Gotha gekommen? Was ist mit Hanin, die ich an Röszke zum ersten Mal getroffen habe, dann später am Ostbahnhof in Budapest? Was ist mit Omar aus Mosul, und Magda, aus Ansbach? Mit Tariq in Spanien, mit Erik in Paris, mit Issa und Fatouma in Süd-Frankreich?

In diesen vier Jahren gab es auch mehrere terroristische Angriffe in Europa. Bestand ein Zusammenhang mit Einwanderung, wie manche Politiker behaupten, oder nicht? Wir sollen über alles reden: Über Silvester in Köln, über Krieg in Syrien, über Armut in Afrika. Nur auf der Grundlage geprüfter Information und Fakten können unsere Gesellschaften gute Entscheidungen treffen. Ich biete mein Buch als Beitrag zu dieser Debatte an.

Am Ende meines Buches fahre ich nach Deutschland, Frankreich, und die Schweiz. Dort treffe ich mich wieder mit Flüchtlingen, die ich früher auf der Balkanroute kennengelernt habe. Wie geht es ihnen? Und was denken die Deutschen, Franzosen und Schweizer über die Fremden? Was heißt für sie Überfremdung?

Jetzt hoffe ich, dass mein Buch The road before me weeps. On the refugee route through Europe auch viele deutschsprachige Leserinnen und Leser finden wird. Es erscheint 2020 im danube books Verlag in Ulm an der Donau, übersetzt von Carsten Schmidt.”

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