Inhalt: Hans Miklautz ist ein treuer Diener seiner Herren. Diese Herren heißen Adolf Hitler, Heinrich Himmler, Dieter Kaltenhofer und andere mehr – letzterer Kommandant des Vernichtungslagers, in dem Hans täglich und pflichtbewusst seine Arbeit bei den Erschießungskommandos oder in den Gaskammern erledigt. Bis zu jenem Morgen, an dem ihn zufällig der Blick einer Jüdin, der Sängerin Ledith Lieblein, trifft und seine ganze Welt ins Taumeln bringt. Im absoluten Gegensatz zu seinen Überzeugungen und scheinbar ohne es zu wollen, überschreitet er Grenzen und tut Dinge für sein Opfer, die er nicht einmal in seinen kühnsten Träumen für möglich gehalten hätte. Zwei Stimmen, die von Hans und die von Ledith, erzählen. Jede ihre eigene Version der Ereignisse. Textauszug:

In der Nacht vor unserer, wie ich damals glaubte, ersten Begegnung, habe ich kaum geschlafen. Kaltenhofer hatte uns am Vorabend nach oben eingeladen wie schon so oft, wenn ihn gerade die Lust dazu überkam. Dann mussten wir alle antanzen, da gab es kein Nein. Er müsse Leute um sich haben, normale Menschen. Der tägliche Umgang mit diesem Pack mache ihn ganz traurig und er hätte, wie er sich ausdrückte, nahezu Heißhunger nach dem Anblick gut gekleideter Menschen mit Haaren auf dem Kopf. Was seinen Durst anging, kann ich nur sagen, er war gigantisch. Unser aller Durst war gigantisch in diesen Nächten, und die Anzahl von leeren Schnaps- und Champagnerflaschen, die am nächsten Morgen von den Mädchen in der Villa und um die Villa eingesammelt werden mussten, war es ebenso. Wenn ich heute darüber nachdenke, scheint es mir unglaublich, dass wir am nächsten Tag unser Arbeitspensum geschafft haben. (…)

Die Villa liegt auf einem sanften Hügel oberhalb des Lagers. Wir werden in fünf separierten, fensterlosen Zimmern im Keller eines Nebengebäudes untergebracht. Wir dürfen uns waschen, bekommen zu essen und frische Bettwäsche. Käthe, eine bebrillte ältere Frau, Wärterin oder Sekretärin, ist für uns zuständig. Sie fragt nach meinem Namen. Ich sage: „Ledith Lieblein.“ Sie wiederholt ihn. Dann schreibt sie ihn auf. Sie starrt erst die Buchstaben an, dann starrt sie mich an. Ich versuche ihr zu erklären, Ledith sei ein jüdischer Name aus dem alten Testament. Doch das scheint sie nicht zu interessieren. (…)

Autor: Klaus Rohrmoser, geboren 1953 in Innsbruck, ist Schauspieler, Regisseur und Autor, lebt in Wien.

Ausbildung am Lee Strasberg Institute in New York, hat an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum gearbeitet wie Volkstheater Wien, Freie Volksbühne Berlin, Schauspielhaus Bochum, Wiener Festwochen, Theater in der Josefstadt. Viele Bühnen- und Filmrollen tragen seine Namen, ebenso an die hundert Inszenierungen. 13 Jahre Schauspieldirektor am Tiroler Landestheater.

Zur Literatur hat Klaus Rohrmoser im Jahr 2012 gefunden. Bislang erschienene Veröffentlichungen: SIEBEN HOCH ZWEI – 49 short stories (Deutsche Literaturgesellschaft 2013), SIEBZEHN UND VIER – 17 erotische Fingerübungen und 4 Liebesgeschichten (Kyrene Verlag 2013), DUNKLE MUTTER FINSTERNIS – Roman (Edition Roesner 2014), TOD BRINGEN – Drei Erzählungen (Edition Roesner 2016).

Die Erzählung FLÜSTERN (danube books, 2022) erscheint zum Länderschwerpunkt Österreich der Leipziger Buchmesse.

Umschlaggestaltung: Sabine Geller, Ulm.

Klaus Rohrmoser: Flüstern. Erzählung.

88 Seiten, 12,5 B x 20,5 cm H, Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung.

ISBN 978-3-946046-28-8.

18,00 EUR (D) | 18,60 EUR (A).

Erscheinungstermin: 24. Februar 2022. 

bestellen Leseprobe

Rezension von Helmuth Schönauer in Neue Südtiroler Tageszeitung (Bozen)